In Saison 2026/2027 beschäftigt mich erneut eine der spannendsten Epochen der Operngeschichte: die Wende zum 20. Jahrhundert. Es ist eine Zeit tiefgreifender Umbrüche, in der vertraute Ordnungen zerbrechen und neue Weltbilder entstehen. Drei der Werke, die ich in dieser Spielzeit inszenieren darf, erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von diesen Übergängen – von gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Krisen, von Aufbruch und Untergang.
Mit Le Roi Arthus von Ernest Chausson (1903) beginne ich die Saison an der Oper Frankfurt mit einer großen französischen Oper, die konsequent an Richard Wagners Musikdrama anknüpft und dessen ästhetische Ideen weiterdenkt. Eine zerstörerische Liebe, der Zerfall einer Hochkultur und eine aus dem Gleichgewicht geratene Natur markieren den Untergang der einst so ehrwürdigen Tafelrunde. In der Artus-Sage wird das Ende einer Welt verhandelt – und zugleich die Frage, was nach ihrem Zusammenbruch entstehen kann.
Es folgt Krabat (2021), den ich bereits am Musiktheater im Revier uraufführen durfte und der nun in Saarbrücken erneut seinen Weg auf die Bühne findet. Während die übrigen Werke der Saison am Beginn des 20. Jahrhunderts stehen, richtet Krabat den Blick auf dessen verheerendste Konsequenz. In seiner düsteren Parabel verdichtet Otfried Preußler seine Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs zu einer zeitlosen Geschichte über Verführung, Macht und den Verlust individueller Freiheit. Im Zentrum stehen junge Männer, die voller Begeisterung in ihre Zukunft aufbrechen, bis sie erkennen, dass sie Teil eines vernichtenden Systems geworden sind, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.
Mit dem Doppelabend Cavalleria rusticana / Pagliacci (1890/1892) kehre ich erstmals als Regisseur an das Opernhaus zurück, an dem ich die Oper kennen und lieben gelernt habe: das Aalto-Theater in Essen. In einer abgehängten Region der Nachkriegszeit befinden sich die Menschen zwischen Erinnerung und Neuanfang. Sie ringen darum, sich eine Zukunft aufzubauen, während die Vergangenheit unaufhörlich in die Gegenwart hineinwirkt.
Zum Abschluss der Saison führt es mich erstmals an die Staatsoper Hannover. Mit Madama Butterfly werde ich dort – nach Aida und Die Perlenfischer – zum dritten Mal eine Oper inszenieren, deren Blick auf das vermeintlich »Exotische« eine kritische Auseinandersetzung mit Orientalismus und Imperialismus geradezu einfordert. Japan und Amerika stehen sich dabei nach einer der verheerendsten Katastrophen des 20. Jahrhunderts gegenüber.
Ich freue mich auf eine Spielzeit mit sehr unterschiedlichen Werken, die dennoch zahlreiche thematische Schnittstellen aufweisen und eine Auseinandersetzung über die jeweils einzelne Inszenierung hinaus ermöglichen. Die Stücke erzählen von Menschen in Übergangszeiten, vom Zerbrechen alter Gewissheiten und von der Suche nach neuen Ordnungen.
Wir sehen uns in der nächsten Saison!